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22.06.2010 Shayan Arkian

Die strukturellen Schwächen des Iran-Diskurses


Katholische Akademie Trier

Die Katholische Akademie Trier war Austragungsort einer Studientagung über den Iran. Bis auf einige wenige Vorträge und Akzente entsprach sie aus strukturellen Gründen den gängigen einseitigen Iran-Debatten.

Vom 16. - bis 18. Juni veranstaltete die Katholische Akademie Trier eine Studientagung über den Iran. Eingeladen waren alle Interessierten, aber vor allem Polizeibeamte, Richter und Staatsanwälte. Die Veranstaltung war mit ihnen gut besucht.

Herr Dr. Gerhard Schweizer, ein Kulturwissenschaftler und Buchautor aus Wien, hielt den ersten Vortrag  mit dem Thema vom Schah-Regime zu „einem radikal-islamischen Regime“. Sein zweiter Vortrag behandelte die religiöse Opposition im Iran „mit Groß-Ayatollah Montaseri als dominierender Symbolfigur“. Anschließend hielt Herr Konstantin Kosten von der DGAP einen Vortrag über die unterschiedliche „schiitische Religiosität junger Iranerinnen und Iraner“. Weiter ging es mit dem Geographie-Prof. Dr. Eckart Ehlers von der Universität Bonn. Er führte die Gäste in den Iran des frühen 20. Jahrhunderts bis hin zur Gegenwart, mit dem Schwerpunkt auf die Gesellschaft und Wirtschaft. Am nächsten Tag hielt der gleiche Referent zwei weitere Vorträge über Irans Geopolitik zwischen Erdöl und Atomwirtschaft sowie seine Regionalmachtinteressen im Mittleren Osten aus der Erfahrung des Imperialismus und Kolonialismus des frühen 20. Jahrhunderts heraus. Daraufhin referierte der iranische Politikwissenschaftler Mehdi Jafari-Gorzini aus Mainz über die zivilgesellschaftlichen Prozesse im Iran. Der nächste Referent war wie zuvor Dr. Gerhard Schweizer, sein Thema war diesmal die vorhandene chronische „Spannung zwischen der religiösen Führung und dem Staatspräsidenten“. Am letzten Tag hatte der libanesische Schiit Dr. Marwan Abou-Taam, ein Islam- und Politikwissenschaftler vom LKA Mainz, die Ehre zwei weitere Vorträge über den Iran zu halten. Der Erste handelte über „Die „Einordnung des Iran in die Konfliktregion Mittlerer und Naher Osten“ und der Zweite über den „Iran von Morgen – zwischen Demokratie und Militärdiktatur“.

Es war eine umfassende Studientagung, wenn auch viele Passagen sich unvermeidbar wiederholen mussten und – bis auf den Vortrag von Dr. Taam - die Prägung und Ausrichtung ziemlich gleich und identisch war. Für Differenzierungen sorgten primär die Diskussionen und Debatten mit den Teilnehmern der Tagung. Eine interaktive Podiumsdiskussion zwischen allen Referenten und dem Publikum war leider aus organisatorischen Gründen nicht möglich gewesen.

Die Veranstaltung veranschaulichte einmal mehr deutlich die „strukturellen Schwächen“ des westlichen Iran-Diskurses. Der letzte Redner, Dr. Marwan Abou-Taam, hatte zwar allein aufgrund seiner bi-kulturellen Identität (die es ihm ermöglichte,  sich Informationen  aus  zwei verschiedene Welten, nämlich der islamischen und der westlichen Welt, zu verschaffen) den differenziertesten und ausgewogensten Beitrag geleistet, er begann aber Schwächen zu zeigen, sobald es um die iranische Innenpolitik ging.

Abgesehen von zu erwarteten politischen Fehlanalysen und -Interpretation, die sich in der Regel nicht auf solide Fakten stützen, hatten nahezu alle Referenten sogar Defizite bei Angaben von Zahlen, Daten und Fakten aufzuweisen, die nicht Gegenstand von Wahrnehmung oder Interpretation sind, sondern Dinge,  die man einfach wissen muss. So hat zum Beispiel einem Referenten zufolge der Aufstieg des jetzigen Staatsoberhauptes, Ayatollah Ali Khamenei, im Militär begonnen. Demnach ist ihm als Offizier der Aufstieg gelungen. Tatsächlich aber war Khamenei zuvor „nur“ Staatspräsident und hatte nie eine militärische Ausbildung genossen.

Jenseits solcher trivialer Fehlinformationen, die sich regelmäßig und oft wiederholten, gab es leider auch eine Reihe von Halbwahrheiten, die aus einer „mangelhaften Methodik“ des westlichen Iran-Diskurses resultiert.

Stets beruft man sich  bei der innenpolitischen Bewertung, sei es in der Politik, Kultur oder Wirtschaft, auf die Reformer, Liberalen und assimilierten Exil-Iraner im Westen. Meldungen und Verlautbarungen der Konservativen (und von jenen, die zu diesen gezählt werden), nimmt man absolut nicht zur Kenntnis. Ganz im  Gegenteil: sie werden  manchmal sogar als plumpe Propaganda abgetan. Man kommt jedoch nicht darauf, dass auch der Teufel nicht immer lügen kann. Es wird auch nicht in Betracht gezogen,  dass die Reformer, Liberalen und Exil-Iraner auch nicht stets die Objektiven sind.. Man stelle sich rein hypothetisch vor, dass im Ausland alle Analysen über Deutschland ausschließlich auf den  Informationen, Wahrnehmungen und Interpretationen der Partei Die LINKE basieren. Wie würde man dann über Deutschland denken? Ebenso würde es sich verhalten, wenn man sich alternativ ausschließlich auf die CSU Stützen würde. Wie nah wäre man an den Realitäten? Exakt so verschwommen, verzerrt und einseitig sind aber logischerweise die politischen Analysen über die inner-iranischen Verhältnisse im gesamten Westen!

Ein weitere „strukturelle Schwäche“ ist die fehlende schiitisch-theologische Kompetenz im Westen. Es sind gerade erst in der jüngsten  Gegenwart theologische Lehrstühle für den Islam errichtet worden, aber auch hier ist die Behandlung des Schiismus meistens nebensächlich. Das Schiitentum unterscheidet sich allerdings in Bezug auf die  Moderne gravierend vom Sunnitentum. Der Iran war nicht zufällig als erstes islamisches Land gesellschaftlich (nicht von oben wie bei Atatürk) gegenüber modernen politischen Ideen (wie dem Parlamentarismus) aufgeschlossen (man denke z. B. an die konstitutionelle Revolution von 1906), sondern aus ihrer schiitischen Tradition heraus. Diese Tradition gibt der Ratio den ihr zustehenden äquivalenten Platz neben den Koran, denn Gott und die Vernunft können sich nie widersprechen. Dieser Grundsatz verursacht eine dynamische Flexibilität in der Auslegung der Schrift. An diesem Grundsatz halten  alle Fraktionen im Iran fest und paradoxerweise der „Staatsklerus“ noch mehr als die Orthodoxie. Wir haben es daher mit einem ausgesprochen rationalen und pragmatischen “Gegenspieler“ zu tun, ob nun der Präsident konservativ oder reformorientiert ist. Ein Staatsystem, an dessen Spitze schiitische Theologen stehen, die religiöse Klienten haben und die mit ihnen in Interaktion stehen, kann nicht ohne theologische Kompetenz eingeordnet werden. So gibt es auch keinen Vatikant-Experten, der nicht minimale Kenntnisse des Katholizismus vorzuweisen hat. In der Trierer Veranstaltung kamen Irrtümer und Fehler, die von diesem Mangel herrühren, gehäuft vor. So beharrte ein Referent darauf, dass Ayatollah Khomeini den Klerus in jedem politischem Amt haben wollte. Unabhängig davon, dass Khomeini selbst in seinem politischen Traktat „Wilayat al-Faqih“ davon spricht, dass nicht der Klerus, sondern die Experten die verschiedene Ministerposten ausüben müssen, ist es dem schiitischen Denken fremd, in den  Zeiten der Verborgenheit ihres Erlösers (des Mahdi), eine umfassende Kompetenz einer einzigen Person oder Kasten zuzusprechen,. Diese differenzierte Spezialisierung gibt es sogar innerhalb der Wissenschaft des schiitischen Rechts selbst, die soweit geht, dass jeder einzelne Gläubige sogar mehrere Großgelehrte als seine Quelle der Nachahmung [Marja Taqlid] aussuchen muss, wenn er weiß, dass dieser in der jeweiligen Disziplin der „Meistwissende“ [Alam] ist.

Dieser o. g. Irrtum ist jedoch im Verhältnis zu den immer wieder vorkommenden aktuellen Irrtümern marginal. Nichtsdestotrotz führt es zu  fatalen Fehlurteilen,  wenn man meint, dass der Klerus überall schalten und walten will (im Iran gab es übrigens nie einen Kleriker als Wirtschaftsminister). Demnach  müsste es z. B. zwingend sein, dass der Klerus gegen Ahmadinejad als Normalsterblicher wäre: ein Fehlurteil mit ernsthaften Konsequenten für die westliche Politik gegenüber der iranischen Regierung. Eine Aufzählung aller Irrtümer, die augrund dieser „strukturellen Fehlern“ verursacht werden, müssten im Rahmen einer Doktorarbeit geschrieben werden. Deshalb an dieser Stelle lediglich ein weiterer Fehler, der ebenfalls von einem Referenten an der Trierer Studientagung ausführlich behandelt wurde und der bezeichnend für fast alle Iran-Experten ist: Es geht um die Rolle und den Einfluss Montazeris im Iran und im weitesten Sinne die Überbewertung einer religiösen Opposition innerhalb eines religiösen Staatssystems.

Es gibt keine empirischen Studien darüber, welcher schiitische Großgelehrte die meisten Nachahmer [Muqallid] hat. Der Einfluss und Macht eines schiitischen Großgelehrten hängt jedoch von seiner Nachahmerschaft [Muqallid] ab. Menschen, die vielleicht nie eine schiitische Moschee aufgesucht haben oder keinen Zugang zu den Religiösen haben, können jedoch am wenigsten ahnen, wer die meisten Nachahmer [Muqallid] hat. Im Laufe seines  zehnjährigen Werdeganges in verschiedenen islamischen Instituten, Einrichtungen, Moscheen, Husseiniyas, Ziyaratghahs (beides rel. Tempeln), Akademien und Erfahrungen mit Schiiten aus den verschiedensten gesellschaftlichen Strömungen im Iran und anderswo, ist dem Autor dieser Zeilen nur eine einzige Person begegnet, die Ayatollah Montezari nachahmt [taqlid]. Allem Anschein nach hat der Reformer Ayatollah Sanei weitaus mehr Anhänger als Montazeri jemals gehabt hat, da Letzterer mit seiner Antwort „Gott verlangt nichts von einer Seele, was er nicht vermag“ zu einem brisanten Vorfall an seinen Lehrer Khomeini bei der religiösen Masse sich selbst völlig in Diskredit brachte. Welcher westliche Experte vermag jedoch zu verstehen, was dieser koranischer Satz bedeutet? Genau darin liegt das Dilemma.

Im Allgemeinen wird eine religiöse Opposition gegen eine religiöse Herrschaft im Westen als die größte Herausforderung der Islamischen Republik erachtet. Solch eine Opposition gab es jedoch bereits zur Zeit des Propheten des Islams. Wenn die islamische Staatsführung im Iran heute die Zerstörung einer oppositionellen Moschee in Auftrag geben würde, würde man das im Westen als die Delegimitation des Regimes auslegen. Tatsächlich steht jedoch solch eine Anordnung im Koran und die islamische Führung kann durch ein weit verzweigtes Netzwerk an religiösen Einrichtungen, Moscheen, Stiftungen, Freitagsgebeten etc. stets gegenüber ihrer Klientel solche Maßnahmen koranisch legitimieren. Einen Großgelehrten unter Hausarrest zu stellen (wie bereits bei Ayatollah Shariatmadari unter Khomeini und Ayatollah Montazeri unter Khamenei geschehen) ist im Vergleich zur Zerstörung einer sakralen Moschee eine Kleinigkeit.

Diese drei „strukturellen Schwächen“ im westlichen Iran-Diskurs verursachen dramatische Fehleinschätzungen, und oft ergänzen, befruchten und bestätigen sie sich jeweils gegenseitig sogar in ihren Irrtümern. Der westliche Wissenschaftler, der vermutlich nicht einmal mehr Zugang zu den  eigenen christlich-religiösen Menschen im eigenen Kulturraum hat, wie soll er die Religiösen einer anderen Religion auf einem anderen Kontinent verstehen? Vermutlich deshalb stützt sich die gesamte Kaste der Iran-Experten im Westen ausnahmslos aus Sympathiegründen auf die Bewertungen, Informationen und Analysen von den vergleichsweise zum Westen offeneren Reformer und den assimilierten Exil-Iranern.

Für eine ausgewogene, kontrastreiche und erkenntnisbringende Debatte ist das jedoch gänzlich ungeeignet. Schädlich für alle Seiten ist es zudem, da die politischen Entscheidungsträger auf diesen Halberkenntnissen gestützt ihre Politik formulieren.

Insgesamt war die Tagung in Trier bis auf kleine Ausnahmen ein Paradebeispiel und repräsentativ für den gesamten westlichen Iran-Diskurs. Die Katholische Akademie Trier und insbesondere die Leitung der Tagung Dr. Günter Gehl, die bestrebt waren drei informative und schöne Tage ihren Gästen zu bescheren, trifft daher keine Schuld.


Karim19-04-11

Ein sehr interessanter Artikel, allerdings hat der autor auch nur ein sehr eingeschränktes Wissen, wenn es um den Mainstream Sunni-Islam geht. Sehr unverständlich ist es beispielsweise, dass der sunnitische Islam die Vernunft nicht kennen würde. Da sollte der Autor nacharbeiten, um dem unwissenden Leser nicht in die Irre zu führen und zu suggerieren, dass der sunnitische Islam "rückständiger" sei als der schiitische. Damit würde man ja den islamophobie deutlich Vorschub leisten.

SA20-04-11

In der Tat hat die Ratio in der schiitischen Schule eine weitaus größere Autorität als in der sunnitischen Schule von Al-Aschari, welche das Mainstream im Sunnitentum bildet.

Lori23-03-15

Interview mit Shayan Arkian​: Warum der Westen die Islamische Republik Iran nicht versteht: http://www.promosaik.com/interview-von-promosaik-mit-shayan-arkian-warum-der-westen-die-islamische-republik-iran-nicht-versteht/






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